Im Interview: tourisma south tyrol – Das Netzwerk von Touristikerinnen

“In dieser Krise stecken einfach zu viele Chancen, die Dinge neu zu denken und zu bewerten.”

Katharina Flöss, Karin Tscholl und Elisabeth Rass sind die Gründerinnen von tourisma south tyrol. Sie wollen vernetzen, hinterfragen und inspirieren – als Impulsgeberinnen im Tourismus. Ein solches Netzwerk ist neu, das Thema dahinter hat aber ohne Frage richtig Tradition: Schließlich haben Südtirols Frauen seit Jahrhunderten entscheidenden Anteil am Erfolg des hiesigen Tourismus! Und das sollte so sichtbar wie möglich werden.

Kurzum: Wir finden Katharinas, Karins und Elisabeths Idee richtig gut und haben sie zum Interview eingeladen. Viel Spaß beim Lesen und Euch drei weiterhin viel Erfolg!

Wie erlebt Ihr die momentane Situation und was hat sich für Euch in den vergangenen Monaten geändert?

Aus beruflicher Sicht befinden uns zwar in der privilegierten Situation, nicht um unsere Existenz fürchten zu müssen, arbeiten aber alle in irgendeiner Form mit oder im Tourismus und so zehrt die doch unerwartet lang-andauernde Situation natürlich.

Katharina Flöss von tourisma.

Wir leben vom persönlichen Austausch und schätzen diesen sehr, da wir uns privat als auch in der Arbeit gerne mit Menschen umgeben. Der digitale Raum hat hier zwar Möglichkeiten geschaffen, aber diese können das Gefühl und die Dynamiken, die bei realen Treffen zwischen Personen entstehen, nicht ersetzen. Das haben wir auch in der Entwicklungsphase unseres Netzwerks gemerkt: Die persönlichen Treffen, die wir im Sommer und Herbst machen konnten, sind für uns viel präsenter, als die digitalen Treffen davor und danach. Gleichzeitig hat uns der virtuelle Raum es überhaupt erst ermöglicht, mit unserem Netzwerk zu starten.

So hat der vermeintliche Stillstand des öffentlichen Lebens für uns einiges ins Rollen gebracht. Sehr viele Menschen mussten und müssen sich nach wie vor stark reduzieren und für sich definieren, was in ihrem Leben wesentlich ist und was nicht. Diese Reduktion birgt in vielen Bereichen, wie auch im Tourismus, spannende Möglichkeiten sich neu zu (er)finden. Uns selbst hat diese Reduktion dabei geholfen zu erkennen, was wir in unserer Arbeit vermissen und wesentlich dazu beigetragen, unsere Vision und unsere Ziele für das Netzwerk zu formulieren.

Und damit wären wir auch wieder am Anfang unserer Antwort: wir haben aus einem Element, das uns bereits vor und verstärkt noch während der Pandemie gefehlt hat – dem persönlichen und lockeren Austausch rund um das Thema Tourismus – ein gemeinsames Projekt gestartet, das uns jetzt schon persönlich bereichert und hoffentlich viele Frauen, die im und mit dem Sektor arbeiten, genauso bereichern wird.

Was gibt Euch Kraft bzw. was motiviert Euch? Was beschäftigt Euch gerade besonders?

Der Austausch untereinander und die verschiedenen Erfahrungswerte, die wir in unsere Zusammenarbeit einfließen lassen, liefern frische Inputs und bringen uns auch persönlich weiter. Dazu kommen die vielen positiven Rückmeldungen und das Interesse in Bezug auf unser noch sehr junges Projekt, das uns zusätzlich motiviert.

Karin Tscholl von tourisma.

Und ganz aktuell, wo sich erste Lockerungen abzeichnen, rückt für uns die Planung eines ersten Netzwerktreffens in den Vordergrund, wo man sich wieder persönlich und im realen Raum begegnen kann. Darauf freuen wir uns schon sehr, denn eines unserer Hauptanliegen ist es ja, Menschen zusammenzubringen, die den Tourismus von ihren verschiedenen und persönlichen Blickwinkeln beleuchten und auch Lust haben ihre eigenen Blickwinkel zu weiten und den Tourismus in seiner jetzigen Form zu hinterfragen und neu zu denken.

Ein konkreter Tipp oder eine konkrete Empfehlung für unsere Leserinnen und Leser?

Wenn es etwas gibt, dass einen schon seit Wochen, Monaten oder gar Jahren nicht loslässt, dann ist jetzt eine gute Zeit, dieses Vorhaben umzusetzen. Ob im Kleinen oder im Großen. Ganz nach dem Motto: Why not try?

Elisabeth Rass von tourisma.

Die Zeiten mögen auf dem ersten Blick nicht ideal wirken, aber in einer Zeit, wo wir genau abwägen, ob wir etwas brauchen oder nicht, werden wir auch bald merken, ob uns ein Vorhaben weiterbringt und auf Interesse stößt oder eben auch nicht.

Wie (positiv oder negativ) blickt Ihr in die Zukunft? Warum?

Natürlich ist nicht immer alles Regenbogen und Sonnenschein, aber wir blicken doch positiv in die Zukunft. Erstens, weil noch jede große Krise irgendwann vorbei war und zweitens, weil in dieser Krise einfach zu viele Chancen stecken, die Dinge neu zu denken und zu bewerten. Nur so können wir aktive Gestalter unserer Zukunft werden. Das ist zwar manchmal mühsam, zahlt sich am Ende aber immer aus. Unsere Pläne, Wünsche und To-Do-Listen sind also so lang wie noch nie und wir können es kaum erwarten sie abzuarbeiten :).

Ihr interessiert Euch für die Ziele und Ideen von tourisma? Im Blog auf www.tourisma.eu könnt Ihr weiterlesen und mehr über die drei Gründerinnen erfahren. Auf LinkedIn und Facebook erreicht Ihr die drei unter www.linkedin.com/company/tourisma-southtyrol und www.facebook.com/tourisma.southtyrol

Dreharbeiten für neue TV-Dokumenation: “Evangelisch in Südtirol”

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, in der vergangenen Woche konnten die Dreharbeiten für die Fernsehdokumentation “Evangelisch in Südtirol” in Bozen und Meran beginnen. Der Film wird im Herbst 2021 fertiggestellt und im Programm von Rai Südtirol ausgestrahlt. Neben einer deutschen Fassung ist auch eine italienische Version des Films geplant.

“Die Luttrischen”: Reiche Geschichte, vielfältiges Engagement – bis heute

Die evangelisch-lutherischen Gemeinden Bozen und Meran zählen jeweils einige hundert Mitglieder. Zugleich blicken die Gemeinden auf eine facettenreiche Geschichte zurück, Evangelische haben Südtirol über Jahrhunderte entscheidend geprägt. Im 16. Jahrhundert gab es offensichtliche wie versteckte reformatorische Aufbrüche in Tirol. Heute stehen die evangelischen Gemeinden für soziales und kulturelles Engagement, sie unterhalten ökumenische Beziehungen und pflegen die Kirchenmusik. Dabei bieten sie Menschen eine Heimat (auf Zeit).

Pfarrer Martin Krautwurst vor Pfarrhaus und Christuskirche Meran im Interview.

“Evangelisch in Südtirol” – Eine TV-Dokumentation für Südtirol

Die Fernsehdokumentation porträtiert die geschichtliche Entwicklung des Evangelischen in Südtirol von der Reformationszeit bis heute und spricht darüber mit namhaften Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland. Der Film wird produziert von SoraFilm Brixen und entsteht dank einer Förderung des Landes Südtirol (Amt für Film und Medien).

Historische Fachberatung: Mag. Johanna Bampi, Idee und Drehbuch: Benjamin Zwack.

Wo Altötting und Jerusalem aufeinandertreffen: ein Kleinod gebauter Volksfrömmigkeit in Innichen

Wer sich in Innichen im Pustertal zu Fuß vom Bahnhof auf den Weg ins Ortszentrum macht, kommt an einem außergewöhnlichen Sakralbau vorbei – dem „Außerkirchl“. Das Kirchlein erinnert an prominente Bauten in Altötting und Jerusalem.

Wie ein Hauch von Altötting nach Innichen kam

“Außerkirchl”, wie der Bau im Volksmund heißt, bedeutet sinngemäß etwa das Kirchlein vor dem eigentlichen Ort. Dieser ungewöhnliche Sakralbau geht auf den Innichner Gastwirt Georg Paprion zurück. Er war ein frommer Mann, der von seinen Pilgerreisen zahlreiche Eindrücke in seinen Heimatort Innichen mitbrachte. Einige davon setzte er sogar baulich um. Beeindruckt vom Wallfahrtsort Altötting in Bayern, ließ Georg Paprion hier im Jahr 1633 eine Kapelle nach dem Vorbild dortigen Gnadenkapelle errichten.

Der Leidensweg von Jesus in ausdrucksstarken Figuren

Noch heute betritt man zunächst diesen älteren Teil des Baus und steht im Langhaus, der so genannten Leidenskapelle. Die eindrucksvollen Holzfiguren sind teilweise in bemalte Nischen gestellt und schildern in ungeschönter Weise den Leidensweg von Jesus. Er beginnt mit dem betenden Jesus am Ölberg, den schlafenden Aposteln und den von Judas herangeführten Soldaten. In den darüber liegenden Wandnischen sind die Dornenkrönung, die Geißelung und die Verurteilung zum Kreuzestod dargestellt, gefolgt vom kreuztragenden Jesus und seinem Tod am Kreuz. Die Figuren entstanden in der Werkstatt des Bildhauers Matthias Schranzhofer in Innichen.

Leidensweg Jesu: Jesus am Ölberg, darüber Dornenkrönung, Geißelung und Verurteilung zum Tod am Kreuz
Foto: Johanna Bampi

Altötting in Miniatur

An die Leidenskapelle schließt sich ein polygonaler Rundbau mit Rundbogenfenstern und Mauernischen an. Der Altar mit einer bekleideten Marienfigur nach dem Vorbild der „schwarzen Madonna“ von Altötting wurde von Matthias Schranzhofer geschaffen. In den sechs bemalten Mauernischen erzählen Holzfiguren Szenen aus dem Leben Mariens: die Verkündigung durch den Erzengel Gabriel an Maria, die Heimsuchung mit dem Besuch von Maria bei Elisabet, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, den Abschied Jesu von seiner Mutter (vor der Passion), Maria und Johannes am leeren Grab, der Auferstandene erscheint Maria.

Altar mit einer Madonnenfigur nach dem Gnadenbild von Altötting,
daneben in den Nischen die Flucht nach Ägypten und die Verkündigung an Maria
Foto: Johanna Bampi

Inspiriert von Jerusalem: die Grabeskapelle

Georg Paprion begnügte sich nicht nur mit einer Wallfahrt nach Altötting. Er machte sich vor rund 400 Jahren sogar auf die beschwerliche Pilgerreise ins Heilige Land. Von dort brachte er den Wunsch nach einer kleinen Grabeskapelle mit, die er – nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem – nördlich an die bestehende Kapelle anbauen ließ.

Die Grabeskapelle ist ein heller Rundbau mit zweigeschossigen und begehbaren Arkaden, der von einer Kuppel mit einer aufgesetzten Laterne bekrönt wird. Inmitten der mit Malereien, Skulpturen und Stuckaturen reich geschmückten Kapelle steht das eigentliche Grab von Jesus, innen begehbar, außen bemalt mit Grabwächtern, oben geschmückt mit der triumphierenden Figur des Auferstandenen.

Das Heilige Grab in der Grabeskapelle
Foto: Johanna Bampi

„Gehe herzu mit Christlicher Andacht, und / demüthigster Ehrnbiethigkeit zu dem H. / Grab, welches niemand ohne Heiligen / Schauder, und größter Herzens angst besehen / kann“, mahnt die Malerei links vom Eingang in das Grab.

Von der tiefen Frömmigkeit des Gastwirtes und der Menschen, welche die Kapelle besuchten, zeugen die alten und für den Ungeübten teils unleserlichen Besucherkritzel an den Außenwänden des Heiligen Grabes.

Kurzum: Ein wahres Kleinod gelebter Volksfrömmigkeit.


Neugierig auf weitere Themen aus und über Südtirol? Gerne! KulturSuedtirol.com hält eine Fülle aktueller Beiträge bereit. Kennst Du beispielsweise schon diese Berichte?

Geschichtenerzählerin Yvonne Peer: Wenn Luftschlösser Realität werden

KulturSüdtirol: Wie erlebst Du die momentane Situation und was hat sich für Dich in den vergangenen Monaten geändert?

Yvonne Peer: Die momentane Situation ist weiterhin sehr komplex und bringt für viele Menschen unterschiedlichste Schwierigkeiten, viele davon leider, aus gesundheitlicher, sozialer und finanzieller Sicht, sehr gravierend. 

Auch für mich hat es durch die Pandemie einige Veränderungen gegeben. Was ich zunächst als äußerst bittere Pille empfand, um es milde auszudrücken, stellte sich mit der Zeit aber als Möglichkeit heraus, beruflich einen etwas anderen Weg einzuschlagen und dabei auch Neues dazuzulernen und auszuprobieren. 

Seit Jahren gab es da so eine Idee, die mich immer wieder mal beschäftigte. Bisher hatte ich allerdings immer das Gefühl, diese Idee in meine persönliche Schublade der „Spinnereien“ oder „Luftschlösser“ verstauen zu müssen. 

Im Spätsommer 2020 entschloss ich mich aber dazu, diese „Luftschlösser“ aus der Schublade zu holen und dort stattdessen, meine Zweifel und die „Das klappt doch nie – Gedanken“ hinein zu verbannen.

Jetzt arbeite ich als Geschichtenerzählerin von zu Hause aus und erstelle personalisierte Geschichten, Gedichte und andere Texte für meine Klienten. Zu meinen Kunden gehören Privatpersonen, ich arbeite aber auch für öffentliche Projekte im kulturellen und sozialen Bereich. 

Dabei versuche ich mich auch schon konkret auf die Zeit nach der Pandemie vorzubereiten, um meine  Projektideen und Projektangebote dementsprechend ausweiten zu können.

Was gibt Dir Kraft bzw. was motiviert Dich? 

Mich auf Menschen, Dinge und Aspekte im Leben zu konzentrieren, die mir wichtig sind und die mir gut tun, das gibt mir sehr viel Kraft: Familie, Freunde, meine Arbeit und die Natur. 

Was beschäftigt dich gerade besonders?

Ich frage mich manchmal, ob wir es als Gesellschaft wirklich schaffen werden, aus dieser Pandemie zu lernen und unsere Erfahrungen dazu nutzen werden, um GEMEINSAM eine „gesündere“ Welt zu schaffen. Wirtschaftlich, ökologisch, sozial, und politisch gesund. Werden wir offen und fähig sein, die notwendigen Veränderungsprozesse dafür in Gang zu setzen? Für einen gleichberechtigten, nachhaltigen Zugang zu Ressourcen. Für eine Gesellschaft, in welcher moderne und auch längst vergessene bzw. verlernte ganzheitliche Erkenntnisse diesen Planeten und seine Lebewesen schützen und vielleicht sogar retten; auch jene zweibeinigen Lebewesen, die sich das Desaster (nicht nur „Covid“) doch eigentlich selbst eingebrockt haben.

Ein konkreter Tipp oder eine konkrete Empfehlung für unsere Leserinnen und Leser?

Mit Tipps ist das immer so eine heikle Sache, besonders in Krisenzeiten. Was für den einen gut klappt, erweist sich für den anderen vielleicht als totaler Reinfall. 

Besonders in einer Krise wie dieser, sollten wir jedoch, so finde ich, Ideen und Projekte nicht einfach in einer Schublade vergammeln lassen. Vielleicht gibt es unter diesen Ideen ja welche, die sich mit den  bereits vorhandenen, eigenen, individuellen oder vereinten Ressourcen und Fähigkeiten, mit viel Kreativität und Fantasie, umsetzen lassen. 

 „Versuchen“  bedeutet für mich immer, sich irgendwo „weiterzuentwickeln“, auch dann, wenn man scheitert. Am Ende hat man doch etwas dazugelernt, kann es besser machen oder einen anderen Weg einschlagen.

Wie (positiv oder negativ) blickst Du in die Zukunft? Warum?

Was die Zukunft bringt, steht in den Sternen. Wenn wir aber bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen und uns von humanistischen Ansätzen im Leben leiten lassen, dürfen wir insgesamt recht zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Früher oder später nimmt diese Pandemie ein Ende. Wann das sein wird, wissen wir ja nicht. Was wir aber jetzt schon tun können, ist, uns konkret zu überlegen, wie wir unser Leben „nachher“ gestalten wollen und was uns im Leben wirklich wichtig ist. Mit Sicherheit lassen sich einige Elemente davon sogar jetzt schon umsetzen! 

Ich selbst versuche, so realistisch wie notwendig und so optimistisch, wie möglich in die Zukunft zu blicken, für mich und die Menschen, die mir nahe stehen.

Über Yvonne Peer

Geschichtenerzählerin und Sozialpädagogin aus Kurtatsch.

Schreibt personalisierte Geschichten, Gedichte und andere Texte. Und lässt Luftschlösser Realität werden. Wie schön!

Weitere Informationen zu ihrer Tätigkeit, sowie Erzählungen zum Stöbern und Mitverfolgen, befinden sich übrigens auf der Website https://storiae.org und Instagram @y.peer_storiae

Kastelruth und seine Geschichte(n)

Leben wo andere Urlaub machen. Für Kastelruth trifft dieser Satz ganz bestimmt zu. Der Ort im Schlerngebiet kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken. Spuren einer ersten Besiedlung führen in die späte Bronzezeit. Später haben Adelsfamilien den Ort geprägt, unter anderem mit den historischen Bauten, die noch heute von ihnen erzählen. Doch auch hier im Urlaubsgebiet endet nicht jede Geschichte mit einem Happy End.

Ein wahres Postkartenmotiv

Der freistehende, ganze 82 Meter hohe Kirchturm mit der barocken Zwiebelhaube beherrscht das Ortsbild von Kastelruth. Selbstbewusst scheint er dem massigen Schlernmotiv im Hintergrund zu trotzen. Erbaut wurde er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nachdem ein verheerender Brand am 24. Mai 1753 weite Teile des Dorfes in Schutt und Asche gelegt hatte. 

Dass man sich an diesem Ort einen so imposanten Turm wahrlich leisten konnte, das bestätigt der Blick auf die historischen Gebäude, die noch heute den Dorfplatz rahmen. 
Zu nennen ist das Lächlerhaus, das viele vielleicht noch als Raiffeisenhaus kennen. Heute beherbergt es nach einer umfassende Sanierung ein Trachtenmuseum. Die Familie der Lächler hatte bereits im Mittelalter die Funktion der Richter inne. Rund 250 Jahre lang bewohnten sie das Gebäude, bis es Christoph Kraus zu Krausegg im Jahr 1630 erwarb.

Das Lächlerhaus

Die Krausen: ein Kastelruther Adelsgeschlecht mit ungarischen Wurzeln

Im Jahr 1556 kam ein junger und mittelloser Edelmann nach Kastelruth: Michael Fodor von Sala. Er entstammte dem ungarischen Landadel und wurde als Wolkensteinischer Pfleger ins Schlerngebiet berufen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1588 übte er dieses Amt aus. Da seine Ehe mit einer Südtiroler Adeligen kinderlos geblieben war, holte er zwei Verwandte aus Ungarn nach Kastelruth – die Stammväter des späteren Kastelruther Adelsgeschlechtes der Krausen. 

Michaels Neffe Jacob erbaute zwischen 1603 und 1607 an Stelle des früheren Stueter- und Saffranhofes den Ansitz Krausegg – das heutige Rathaus. Dieses Gebäude ist wahrlich platzbestimmend. Es schließt den Dorfplatz zum Kofel hin ab. An einer Seite grenzt es an das schon genannte Lächlerhaus. 

Die Geschichte der Familie Kraus ist zunächst eine wahre Erfolgsgeschichte, die vom sozialen Aufstieg und dem Erblühen eines Tiroler Adelsgeschlechts handelt. Doch im 18. Jahrhundert blieb ihr wirtschaftlicher Niedergang nicht aus. Dies führte so weit, dass für den Erstgeborenen Jakob Kajetan von Kraus schlichtweg die finanziellen Mittel für ein herrschaftliches Leben und eine standesgemäße Ehe fehlten. Wohl aus Verzweiflung schlich er in einer finsteren Nacht im Oktober 1784 aus Kastelruth fort und wurde nie wieder gesehen. 

Platzbestimmend: der Ansitz Krausegg, heute Rathaus

Mehr als 1000 Jahre Geschichte

Nicht nur das Schicksal dieses Krausen ist bis heute ungeklärt. Auch die frühere Geschichte von Kastelruth gibt den Historikern nach wie vor Rätsel auf. 

Die älteste schriftliche Erwähnung von Kastelruth und Seis findet sich in einer Urkunde aus den Jahren 982-988, die einen Tauschvertrag zwischen Bischof Eticho von Augsburg und Bischof Albuin von Brixen dokumentiert. Von “de loco Siusis” (Seis) und “de loco Castellorupto” (Kastelruth) ist hier die Rede. Diese “gebrochene Burg”, also gewaltsam zerstörte Burg, lag – so vermuten Historiker – nicht direkt im heutigen Ort, sondern auf dem dahinterliegenden Hügel, dem Kofel. Wann und warum sie zerstört wurde, lässt sich nicht eindeutig sagen. Möglicherweise war sie eine Festung der Langobarden, die im 7. Jahrhundert von den Bajuwaren bei deren Vorstoß Richtung Süden zerstört wurde.

Dass der Kofel von Kastelruth schon sehr früh bewohnt war, belegen Keramikfunde der späteren Bronzezeit (ca. 1700 bis 1300 v. Chr.). Der bedeutendste archäologische Fund vom Kofel ist ein eiserner Helm aus dem 4./.3 Jh. v. Chr. Er befindet sich heute in den Sammlungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum in Innsbruck.

“Es war das Paradies…” Der Historiker Stefan Grus aus Wiesbaden im Interview

Kürzlich hat uns Stefan Grus, Historiker und bei einem der größten deutschen Spitzensportverbände zuständig für Archiv, Bibliothek und Museum, die bekannten vier “KulturSüdtirol-Fragen” beantwortet. Dabei beweist er auch, das HistorikerInnen – und er im Besonderen – gerade richtig gefragte Leute sind, denn Ihr wisst ja: Geschichte wiederholt sich manchmal doch. Wie leider auch Pandemien, Absagen und Ausfälle von sportlichen Großereignissen. Aber lest am besten selbst…

KulturSüdtirol: Wie erlebst Du die momentane Situation und was hat sich für Dich in den vergangenen Monaten geändert?

Einerseits finde ich die momentane Situation sehr beklemmend. Dass die ganze Menschheit einmal einem solch zerstörerischen Szenario hilflos ausgeliefert sein würde, war vor ein paar Jahrzehnten angesichts des Kalten Krieges noch eine beängstigende Vorstellung, gegen die man sich mit allen (meistens) friedlichen Mitteln wehrte. Ich bin alt genug, um das noch selbst erlebt zu haben.

Andererseits habe ich die Zeit des ersten Lockdowns zwischen März und Mai letzten Jahres als sehr angenehm empfunden. Ich wohne im Herzen von Wiesbaden in einem Altbau im dritten Stock mit einer riesigen Terrasse, von der aus ich bis zum Feldberg gucken kann. Von heute auf morgen fuhr hier kein Auto mehr. Der Frühling kam und es war das Paradies.

Es hört sich zwar hart an, aber die Ruhe, die Entschleunigung allen Lebens, das Verschwinden vieler, die sonst andauernd per E-Mail oder Telefon etwas von mir wollten, habe ich sehr genossen. Heute bedauere ich es fast, diesen Zustand nicht noch mehr ausgekostet zu haben.

Stefan Grus (links).

Denn mittlerweile vermisse ich vieles von dem, dessen Herunterfahren ich beim Ausbruch der Pandemie noch so genossen habe. Wenn wir am Wochenende mit Maske durch die Stadt laufen, sind wir froh, wenn uns jemand einen Kaffee im Plastikbecher to go verkauft. Ich würde gerne mal wieder ins Theater oder ins Kino gehen, ich kann die Pizzakartons und die Kunststoffbehälter unseres Inders, bei dem wir aus Solidarität – und aus Angst, dass er ganz aufgibt – regelmäßig bestellen, nicht mehr sehen. Mir fehlen sogar die in Frankfurt im Fünfminutentakt startenden Flugzeuge, die mich jeden Morgen um 6:00 Uhr geweckt haben.

Was gibt Dir Kraft bzw. was motiviert Dich? Was beschäftigt dich gerade besonders?

Weil ich als Historiker für einen Sportverband arbeite und viel für Sportzeitschriften schreibe, andererseits aber seit einem Jahr kein Wettkampfsport stattfindet, sind viele Seiten für mich frei. Ich kann mich richtig auslassen über ausgefallene oder misslungene Olympische Spiele, wegen Epidemien oder kriegerischen Konflikten verschobene oder beeinträchtigte Weltmeisterschaften und so weiter. Die Menschen schauen gerne auf Parallelen und Beispiele in der Geschichte …
Jedenfalls habe ich selten so viel veröffentlicht, wie in den Monaten der Pandemie, und was das betrifft schäme ich mich fast, von der Pandemie auch noch profitiert zu haben, während viele andere richtig leiden und um ihre Existenzen fürchten müssen.

Ein konkreter Tipp oder eine konkrete Empfehlung für unsere Leserinnen und Leser?

Ich versuche, die äußeren Umstände nicht mein ganzes Leben und meine Stimmung beherrschen zu lassen. Das funktioniert ganz gut, seitdem ich konsequent alle Push-Messages abgestellt habe, kaum noch Nachrichten sehe, immer nur die Zeitung von gestern lese. Das reicht zum Überleben und schafft Distanz.

Wie positiv oder negativ blickst du in die Zukunft?

Ich schaue positiv nach vorne. Der Mensch hat sich schon immer gut angepasst. Meine über 90-jährige Mutter ist zweimal geimpft, meine Frau in ihrer Klinik auch, die Ferienwohnung in Italien haben wir für Juni gebucht und alles andere blende ich aus.

Mehr über Stefan

Seit vielen Jahren hat Stefan Grus sozusagen zwei Schreibtische, die mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt stehen. Da wäre zum einen seine Tätigkeit als Historiker für einen Sportverband in Wiesbaden mit etwa 1,4 Millionen Mitgliedern in 20 Landesverbänden. Da ist zum anderen aber auch das Deutsche Schützenmuseum auf Schloss Callenberg bei Coburg, das er als Leiter betreut: Einerseits eines der neuesten Museen dieser Gegend, andererseits eines, das eine besondere lange Geschichte, nämlich die des Schieß- und Bogensports, anschaulich macht, einordnet und sie sogar selbst erleben lässt. Und das einzigartige Ambiente des herzoglichen Hauses Sachsen-Coburg und Gotha – mit Blick zur Veste und nach Coburg – spricht ohnehin für sich. Sobald es also wieder möglich ist, ein Besuch auf Schloss Callenberg ist sicher eine Empfehlung. Nähere Informationen dazu auf der Internetseite Deutsches Schützenmuseum – Schloss Callenberg

“Jede Herausforderung ist eine Chance!” Stathis Kefallonitis von branding.aero im Interview

Viele von uns vermissen Reisen und Unterwegssein. Einer, der das Reisen beruflich und aus wissenschaftlichen Gründen “vermisst” (und zwar im doppelten Wortsinn), ist Stathis Kefallonitis aus Chicago. Er ist Consumer Neuroscientist und Passenger Engagement Strategist – oder anders gesagt: Er arbeitet an der Zukunft des Reisens und des Fliegens, macht sich Gedanken über Reiseerlebnisse und berät Fluggesellschaften und Tourismus auf diesen Gebieten strategisch. Wir freuen uns sehr, dass er sich für KulturSüdtirol Zeit für ein Interview genommen hat.

Das Interview haben wir per Videokonferenz und E-Mail Anfang 2021 auf Englisch geführt. Auch hinsichtlich der Corona-Pandemie spiegelt das Gespräch also diesen Stand wider.

KulturSüdtirol: Wie erlebst Du die aktuelle Situation und was hat sich für Sie in den letzten Monaten verändert?

Stathis Kefallonitis: Das vergangene Jahr war für das Transport-, Tourismus- und Gastgewerbe ein unglückliches. Die COVID-19-Pandemie entwickelte sich zu etwas, was wir noch nie erlebt haben. Unsere Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt. Wir waren nicht in der Lage zu reisen und Familie, Angehörige und Kollegen zu treffen, wie wir es eigentlich gewohnt sind. Jede Herausforderung ist aber auch eine Chance. Für mich persönlich bedeutete es mehr Zeit für die Forschung nach der Frage, wie Reisende auf der ganzen Welt von dieser Pandemie betroffen sind – vor allem auch aus einer emotionalen und Verhaltensperspektive heraus. Die Möglichkeit, Verhaltensweisen mit Hilfe der Biometrie zu untersuchen, hat mir einen neuen Einblick gegeben, wie wir (als Reisende) auf eine solche Pandemie reagieren. Die experimentelle Psychologie und insbesondere die emotionale und verhaltensbiometrische Forschung sind neue Wege, um zu verstehen, wie wir uns verhalten. Solche Informationen sind entscheidend, um als Branche vorausschauend zu planen und letztlich ein besseres Reiseerlebnis zu schaffen.

Was gibt Dir Kraft und was motiviert Dich?

Es ist mir wichtig, starke Verbindungen zu Freunden, Familie und Kollegen zu pflegen. Das sind Menschen, die sich um uns kümmern und uns einen guten Rat geben, wenn wir ihn brauchen. Diese Menschen geben mir Kraft, um persönlich und beruflich weiter zu wachsen. Zu sehen, wie meine Arbeit umgesetzt wird (ein neues Airline-Menü, eine Flugzeug-Innenausstattung usw.) gibt mir die Motivation, weiterzumachen. Anderen etwas zurückzugeben und ihnen zu helfen, ist für mich ebenfalls sehr wichtig. Schließlich hat das, was wir tun, eine Auswirkung auf andere. Es wird viel sinnvoller, wenn es das Leben eines anderen Menschen verbessert.

Ein konkreter Tipp oder eine Empfehlung für unsere Leser?

Niemals aufhören zu träumen und nie aufhören, neue Ziele zu erreichen. Ein Leben, das von lebenslangem Lernen und dem Zurückgeben an andere geleitet wird, ist lohnend. Ich habe immer nach diesen Prinzipien gelebt und werde das auch weiterhin tun.

Wie (positiv oder negativ) blickst Du in die Zukunft? Und warum?

Früher war ich ein Grübler, habe immer an morgen gedacht, geplant und mir Sorgen gemacht. In den letzten Jahren bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ein positiver Ausblick auf das Leben die bessere Strategie ist. Positive Energie und gute Gedanken helfen dabei, Stress zu minimieren. Selbst wenn die Dinge nicht so laufen wie erwartet, haben wir immer noch die Genugtuung, dass wir unser Bestes getan haben.

Über Dr. Stathis Kefallonitis, branding.aero

Als Consumer Neuroscientist und Passenger Engagement Strategist bin ich immer auf der Suche nach den authentischen Erlebnissen, die jemanden begeistern können. Das sind meist die kleinen Details, die Reisende berühren. Kostenlose Annehmlichkeiten, die auf Sie warten, sobald Sie Ihr Hotelzimmer betreten (wie z.B. das Amuse Bouche des Küchenchefs zur Begrüßung), prägen sich immer ein. Oft halten Fluggesellschaften einen abfliegenden Flug für ein paar Minuten auf, damit Anschlusspassagiere ihren Anschluss erreichen können. Manchmal wird sogar eine Limousine geschickt, die die Passagiere am Flugzeug abholt und sie zum nächsten Flug bringt. Das kann für jemanden, der es eilig hat unbezahlbar sein! Wir vergessen oft, dass wir Menschen, und diese kleinen Details können ein Erlebnis ausmachen oder zerstören. In diese Richtung arbeite ich weiter und will damit Flug-, Reise- und Tourismusunternehmen dabei helfen, ihre Marke in einzigartige Produkte und Services zu übersetzen. Für diejenigen, die mir und meinen Reisen folgen möchten, finden mich auf Instagram unter @dr.kefallonitis.

Bilder über Bilder: Die Stadtgasse in Bruneck

Südtirol ist ein bilderreiches Land. Dies trifft ganz besonders auf die Stadtgasse von Bruneck zu. Wer hier von einem Stadttor zum anderen bummelt, wird links und rechts von historischen Bürgerhäusern begleitet. Die Wandmalereien an den Fassaden wissen gar einiges zu erzählen!

Ein Bischof am Stadttor

Die Stadtgasse ist das Herzstück von Brunecks Altstadt. Sie erstreckt sich vom Oberen Tor (auch Ragentor oder Unterrainertor genannt) im Osten bis zum Ursulinentor im Westen. Bis ins 19. Jahrhundert nahm sie den gesamten Verkehr durch die Stadt auf, heute ist sie Fußgängerzone. Die Stadtgasse wird von zwei Häuserreihen flankiert und reicht, genauso wie die Burg Bruneck, in die Zeit um 1250 zurück. Die älteste urkundliche Erwähnung von Bruneck datiert ins Jahr 1256.

An den Gründer der Stadt, den Brixner Bischof Bruno von Kirchberg, erinnert die Malerei auf dem Oberen Tor. Sie zeigt den Bischof in seinem Ornat in einer Nische stehend. Zwei Putten reichen ihm das Modell der Burg Bruneck. Die gesamte Szene ist in eine Nische gestellt, die in barocker Manier von reich gestalteten Säulen und Giebeln umrahmt wird. Gemalt wurde das Bild im Jahr 1922 von Hans Weber.

Bischof Bruno von Kirchberg an prominenter Stelle am oberen Stadttor.

Hingucker Ornamentfassade

Wesentlich älter ist die Fassadenbemalung des schmalen Stadthauses Nr. 23. Das dreidimensionale Ornamentmuser in rot, weiß und schwarz erstreckte sich ursprünglich wohl über die oberen drei Stockwerke. Ein echter Hingucker! 

Zwischen den beiden Fenstern im ersten Stock hat sich eine reizende Darstellung von Adam und Eva erhalten, die – wohl einer Druckgrafik nachempfunden – in schwarz-weiß ausgeführt wurde.

Adam und Eva zwischen zwei Fenstern.

Michael Pacher und Bruneck

In der Stadtgasse steht noch heute jenes Haus, das sich im 15. Jh. im Eigentum Michael Pachers befand und dem Maler und Bildhauer als Wohnung und Werkstatt diente. An der Fassade des ehemaligen Nachbarhauses (das heute zusammen mit dem Haus Michael Pachers zu einem Gebäude zusammengefasst ist und den Namen “Neuhauserhaus” trägt) wurden die Reste von Wandmalereien aus der Renaissance freigelegt. Sie zeigen Fabelwesen, Spruchbänder und Rankenmalerei. Der noch zum Teil sichtbare schwarz-goldene Adler stammt von einer älteren, darunter liegenden Malschicht.

Fabelwesen, Spruchbänder und Rankenmalereien. Der Adler rechts unten gehört zu einer älteren Malschicht.

Ein Stück Kloster Neustift in Bruneck

In einem Gebäude am unteren Ende der Stadtgasse war lange Zeit die Stadtbibliothek von Bruneck untergebracht. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war dieses auffallend massige und niedere Haus Eigentum des Klosters Neustift. Darauf verweisen die gemalten Wappen an der Fassade, die allesamt einem Propst des Klosters zuzuordnen sind. Der Wappenstein über der Eingangstür stammt aus dem Jahr 1547. Er zeigt das Wappen des Propstes Hieronymus Piesendorfer und die Inschrift “Vivat Felix Novacella”.

Das ehemalige Amtshaus von Kloster Neustift in Bruneck.

Das Athesia-Haus

1967 bemalte Heiner Gschwendt (1914-2012) die Sichtbeton-Fassade des Athesia-Hauses. Das Geschäftshaus selbst wurde nach Plänen der Architekten Othmar Barth errichtet. Auch im Inneren schmücken Malereien von Gschwendt die Wände.

Detail der Fassadenbemalung mit der Signatur des Künstlers Heiner Gschwendt.

Fotos: Johanna Bampi.


Redaktionsbesuch beim “Nordschleswiger” in Dänemark

Gwyn Nissen Interview KulturSüdtirol

“Der Nordschleswiger” ist durchaus etwas Besonderes: Die Tageszeitung erscheint im Süden Dänemarks in deutscher Sprache und ist damit eine Minderheitenzeitung in Europa, wie es sie auch hier in Südtirol gibt. Er erschien erstmals am 2. Februar 1946. Seit Dezember 1951 ist „Der Nordschleswiger“ eine Tageszeitung – eine der kleinsten in Dänemark. Und genau 70 Jahre später, am 2. Februar 2021, wird eine Ära zu Ende gehen: Dann erscheint der letzte gedruckte “Nordschleswiger”.

Der 2. Februar wird ohne Frage ein außergewöhnlicher Tag in der Geschichte des “Nordschleswigers”. Die deutsche Tageszeitung in Dänemark wird an diesem Tag 75 Jahre alt und startet in eine rein digitale Zukunft. Trübsal bläst die Redaktion jedoch nicht. Denn für die kleine Zeitung geht es digital und voller Optimismus weiter. KulturSüdtirol hat die Gelegenheit genutzt, um mit Gwyn Nissen, dem Chefredakteur der Zeitung, zu sprechen.

Bild: Der Nordschleswiger

In den besten Jahren hatte die Zeitung eine Auflage von über 4.000 Exemplaren, heute sind es noch 1.100 Abonnenten, die täglich die Papierausgabe erhalten. “Das bereitet der deutschen Minderheit in Dänemark vor allem zwei Probleme: Zum einen fehlt die kritische Masse, und die Druckkosten sind dadurch unverhältnismäßig teuer geworden. Noch gravierender ist allerdings, dass es die Minderheit heute nicht mehr schafft, über ihre Tageszeitung alle Mitglieder zu erreichen. Vor allem die Jüngeren lesen heute keine Zeitung auf Papier mehr – das ist auch in der deutschen Minderheit so”, erläutert Chefredakteur Gwyn Nissen.

Die Digitalisierung einer kleinen Zeitung: Keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Er übernahm 2013 nach dem langjährigen Chefredakteur Siegfried Matlok die Leitung des “Nordschleswigers” mit der Aufgabe, die Digitalisierung des Mediums umzusetzen. “Natürlich werden wir, wie unsere LeserInnen auch, die gedruckte Zeitung vermissen – aber wir wollen der Zeitung nicht nachweinen. Wir sehen die Digitalisierung nicht als eine Bedrohung, sondern vor allem als eine Chance, noch mehr Leute zu erreichen, als es heute der Fall ist. Dass das nicht nur Wunschdenken ist, sehen wir bereits deutlich an unseren Zahlen”, erklärt der Chefredakteur.

Gwyn Nissen, Chefredakteur des “Nordschleswiger” in seiner Redaktion: Druckerpresse, alte Bleilettern – und die allgegenwärtige Handdesinfektion. Blattmachen zwischen Vergangenheit und (Corona-)Gegenwart…
Bild: Der Nordschleswiger

Mehr Präsenz, mehr Reichweite

Die Webseite www.nordschleswiger.dk hat innerhalb kürzester Zeit 6.000 bis 8.000 tägliche Nutzer, und bei Breaking News sind es schon mal 25.000 bis 30.000 – in Einzelfällen sogar mehr. Bisheriger Höchststand waren 150.000 Seitenaufrufe an einem Tag. Hinzu kommt die Aufmerksamkeit auf diversen sozialen Plattformen.

“In der deutschen Minderheit ist viel darüber diskutiert worden, ob wir ohne Tageszeitung an Präsenz verlieren könnten. Wir können aber feststellen, dass unsere Präsenz und Reichweite dank der digitalen Möglichkeiten nie größer gewesen sind als heute. Das gilt sowohl innerhalb der deutschen Minderheit als auch in der Mehrheitsbevölkerung – und es gilt sowohl nördlich als auch südlich der Grenze”, sagt Gwyn Nissen. 

Nach einer längeren Umstellungsphase freut er sich darüber, dass sich die MitarbeiterInnen des “Nordschleswigers” ab Februar hundertprozentig auf die digitalen Möglichkeiten konzentrieren können.

Kostenlose digitale Nutzung

Vorläufig erscheint “Der Nordschleswiger” mit einer 14-tägigen Printausgabe, die mit Nachrichten aus dem Online-Auftritt zusammengestellt wird. Diese Zeitung wird übrigens in Zukunft in der Druckerei der dänischen Minderheitenzeitung, „Flensborg Avis“, in Flensburg gedruckt. Auch ein Novum in der Geschichte des deutsch-dänischen Grenzlandes – und ein Beweis für gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit.

“Dieses Angebot mit Nachrichten aus der Minderheit gibt es für die nicht digitalen LeserInnen bei uns im Landesteil”, erklärt Nissen. “Im tagesaktuellen Geschehen gilt unsere ganze Aufmerksamkeit nun aber den digitalen Möglichkeiten, und für alle Nutzer sind die digitalen Angebote über die Webseite oder Apps kostenlos.”

Das Medienhaus des “Nordschleswiger” in Apenrade / Aabenraa (DK)
Bild: Der Nordschleswiger, CC BY-SA 4.0

Große digitale Nutzungsbereitschaft in Dänemark

Die Digitalisierung des „Nordschleswigers“ ergibt laut Chefredakteur Sinn, zumal 90 Prozent der DänInnen ein Smartphone haben.

“Dänemark verfügt über eine hervorragende digitale Infrastruktur mit mobilen 4G- und 5G-Netzwerken sowie einem hohen Ausbaugrad bei den Glasfaseranschlüssen – vor allem in Süddänemark und auch auf dem Land. Hinzu kommt eine hohe Bereitschaft in der dänischen Bevölkerung, digitale Lösungen zu nutzen – auch unter SeniorInnen. Deshalb ist dieser digitale Schritt überhaupt erst für uns möglich“, berichtet Gwyn Nissen.

Bild: Der Nordschleswiger

Im Gespräch mit KulturSüdtirol betont er ferner: “Die Lage in unserer Grenzregion war – bedingt durch Corona – schon einmal schlimmer. Inzwischen sind wieder alle Grenzübergänge zwischen Deutschland und Dänemark geöffnet. Aber ja, die Zahnräder des Grenzlandes greifen nicht immer perfekt ineinander – das spürt man bei solchen Herausforderungen wie Corona ganz besonders!”

Fakten – “Der Nordschleswiger”

  • “Der Nordschleswiger” berichtet primär aus und für die deutsche Minderheit in Nordschleswig/Dänemark. Es gibt Redaktionen in Apenrade/Aabenraa (Hauptredaktion), Hadersleben/Haderslev, Sonderburg/Sønderborg, Tondern/Tønder sowie Tingleff/Tinglev. In den drei erstgenannten Orten teilt sich „Der Nordschleswiger“ die Redaktionsräumlichkeiten mit dem dänischen Medienunternehmen Jysk Fynske Medier.
  • “Der Nordschleswiger” wird nach dem digitalen Übergang etwa 30 MitarbeiterInnen beschäftigen.
  • Neben den Nachrichten auf www.nordschleswiger.dk sowie in den dazugehörigen Apps, liefert “Der Nordschleswiger” zweimal täglich eine kurze Nachrichtensendung an den Radiosender skala.fm. Außerdem produziert „Der Nordschleswiger“ auf www.grenzgenial.dk digitales Unterrichtsmaterial für den Deutsch-Unterricht an dänischen Schulen. Das Unterrichtsportal wird vom dänischen Kulturministerium gefördert.
  • “Der Nordschleswiger” erhält jährlich Zuschüsse von der Dachorganisation der deutschen Minderheit, dem Bund Deutscher Nordschleswiger, die diese Mittel von der Bundesrepublik Deutschland bezieht, sowie von der dänischen Medienförderung.

Fakten – die deutsche Minderheit in Dänemark

  • Die deutsche Minderheit in Nordschleswig/Dänemark zählt zwischen 12.000 und 15.000 Mitglieder. Die Minderheit entstand 1920 bei der Grenzziehung zwischen Dänemark und Deutschland, wobei Deutschgesinnte bei der Grenzverschiebung plötzlich zu Dänemark gehörten.
  • Die deutsche Minderheit betreibt neben dem Medienhaus “Der Nordschleswiger” unter anderem 20 Kindergärten, 15 Schulen, Büchereien, Sport- und Rudervereine, ein Museum, eine Sporthalle, einen Landwirtschaftsverein sowie soziale und kulturelle Aktivitäten. Mehr dazu unter www.bdn.dk und www.nordschleswig.dk

Der Schlern: diesen Berg (er)kennt jeder!

Mit seinem mächtigen Bergrücken und den beiden vorgelagerten Spitzen ist er eine wahrhaft imposante Erscheinung. Die Rede ist vom Schlern, dem Wahrzeichen Südtirols.  Auch für Laien ist dieser Berg aufgrund seiner ungewöhnlichen Form leicht zu erkennen. Und dies, obwohl natürlich auch er von allen Seiten etwas anders ausschaut. 

Immer eine Augenweide

Das Foto unten zeigt den Blick auf den Schlern von der Seiser Alm. Hier schließt er die weite Fläche der Alm mit seinem langgezogenen Bergrücken und der Santner- und der Euringerspitze ab. Betrachtet man den Schlern von Seis oder von Kastelruth aus, dann bestimmt ganz eindeutig die Santerspitze das Bild. 
Ähnlich wie von der Seiser Alm aus gesehen, aber „seitenverkehrt“, präsentiert sich der Schlern für alle, die ihn von Völs aus betrachten. Oder auch aus größerer Distanz, wie etwa von Bozen oder Jenesien aus. Und der Blick vom Ritten auf den Schlern und die Dolomiten gehört ohnehin zu den klassischen Postkartenmotiven aus Südtirol. 

Abendstimmung auf der Seiser Alm.

Petz, Burgstall, Mull und Jungschlern

Die höchste Erhebung des Schlern trägt den Namen Petz. Hier, auf einer Höhe von 2.563 m, steht das Gipfelkreuz. Die Hochfläche, die im Sommer nicht nur von Wandereren besucht wird, sondern auch als Weidefläche für Kühe dient, scheint unendlich. Grüne Wiesen, weiße Steine, ein leichtes Auf und Ab. Dazwischen das beeindruckende Schlernhaus, mehr als eine kleine Schutzhütte. Und etwas unterhalb davon steht die Kassianskapelle.  

Kenner benennen durchaus noch weitere Teile “ihres” Berges namentlich. Burgstall heißt der nördliche Rand des Schlern, der Mull ist der südliche Teil der Hochfläche, der eine weitere, noch etwas südlicher liegende Abstufung überragt, die wiederum den Namen Jungschlern trägt. Burgstall und Mull sind durch eine tiefe Schlucht, die Klamm, voneinander getrennt. 

Zwischen Seis und St. Oswald hat man den Schlern stets im Blick.

Johann Santner, Gustav Euringer und die Schlernhexen

Zum Schluss wagen wir noch einen Blick in die Geschichte. Die beiden Spitzen sind nach ihren Erstbesteigern benannt. Johann Santner erklomm am 2. Juli 1880 als Erster und alleine die vordere Spitze, die vorher unterschiedliche Namen trug, zum Beispiel “Großes Schlernhorn”. Nur wenige Jahre später, im Sommer 1884, standen Gustav Euringer und G. Battista Bernard als Erstbezwinger auf dem Gipfel der Euringerspitze. 

Fast am Ziel: links die Schlernhäuser, rechts der Petz mit dem Gipfelkreuz.

Der Schlern selbst zieht schon seit Jahrtausenden Menschen in seinen Bann. Auf dem Burgstall befand sich bereits am Ende der Bronzezeit, also um 1000 v. Chr., eine Brandopferstätte. Darauf weisen die dort gefundenen Keramikscherben hin. 

Und schließlich gibt es da noch die Schlernhexen, die den Berg seit Menschengedenken bewohnen, auch wenn sie bisher noch nicht gesehen wurden. Doch von den Hexenbänken am Puflatsch, so die Sage, genießen sie die Aussicht auf “ihren” Berg, allerdings nur nachts. Denn tagsüber ist dieser herrliche Aussichtspunkt Mensch und Tier vorbehalten. 

So präsentiert sich der Schlern vom Ritten aus.